{"id":955,"date":"2009-04-08T10:43:28","date_gmt":"2009-04-08T08:43:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/?p=955"},"modified":"2009-07-11T15:52:54","modified_gmt":"2009-07-11T13:52:54","slug":"rote-kreuze-oder-die-kehrseite-der-demokratisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2009\/04\/08\/rote-kreuze-oder-die-kehrseite-der-demokratisierung\/","title":{"rendered":"Rote Kreuze &#8211; oder: Die Kehrseite der Demokratisierung"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Bewohner eines mehr oder weniger luxuri\u00f6sen Gelasses!<br \/>\nWir hoffen inst\u00e4ndig, dass wir selbst auch noch zur Gattung der Bewohnenden geh\u00f6ren. Ganz sicher sind wir uns jedoch nicht. Jedenfalls was unsere guineische Wohnhaftigkeit angeht. <!--more--><br \/>\nNoch sind wir ja in Europa. Genauer gesagt: seit zwei Tagen in Frankreich, dem Land in welchem Rotwein und Sauce Bernaise flie\u00dfen, und wo K\u00e4se mit reduziertem Fettgehalt unter Androhung der Todesstrafe verboten ist. Und w\u00e4hrend wir hier unseren Gaumen mit unaussprechlichen Silben maltr\u00e4tieren und mit unaussprechlichen Gen\u00fcssen belohnen, schreitet die Demokratisierung in Guinea voran. Auf guineisch.<br \/>\nBeginnen wir mit der Feststellung, dass es eigentlich kein Fleckchen Erde auf unserem Planeten gibt, auf dass nicht irgendjemand Anspruch erhebt. So ist es auch in Guinea. Egal ob es sich um ein zerkl\u00fcftetes St\u00fcck Felsen handelt oder um ein fruchtbares Flusstal. Irgendjemanden geh\u00f6rt es. Entweder den Myriaden von Diallos oder Bahs, die es vom Vater auf den Sohn vererbt haben. Oder dem guineischen Staat. Teile eben dieses Staatslandes wurden in den letzten paar Jahrzehnten gar nicht selten von bed\u00fcrftigen Beamten freigiebig unter die verm\u00f6gende Schar der Grundst\u00fccksuchenden verteilt. Gegen eine entsprechende Zahlung in die Aktentasche des erw\u00e4hnten Beamten. Die K\u00e4ufer bauten H\u00e4user, pflanzten B\u00e4ume und zeugten Kinder&#8230; Man wohnte in den Schwarzbauten und verkaufte oder vermietete dieselben. Und alle waren zufrieden und hielten den Mund.<br \/>\nBis der neue \u00dcbergangspr\u00e4sident begann, den Augiasstall auszumisten. Seit ein paar Wochen touren Mitglieder der neuen Regierung, mithilfe von Polizei und Milit\u00e4r durch die Hauptstadt und markieren diverse H\u00e4user mit roten Kreuzen. Den Bewohnern wird mitgeteilt, dass sie auf Staatsland wohnen und bittsch\u00f6n ihre Sachen packen sollten. Und ein paar Tage oder Wochen sp\u00e4ter wird demoliert. In Conakry wurden auf diese Weise schon einige illegale Sachverhalte nivelliert. Eigentlich eine gute Sache, oder?<br \/>\nNur dass nicht immer die echten B\u00f6sewichter im Hause hausen. Sondern ziemlich oft unschuldige Mieter und Nachk\u00e4ufer&#8230; Vor ein paar Tagen ereilte es Kollegen von uns in einer Stadt im Landesinneren. Die &#8222;Rotkreuz-Delegation&#8220; kam, sah und markierte. Und obwohl die ausl\u00e4ndischen Mieter schon seit Jahrzehnten in dem Haus wohnen, tausende Dollar in das Geb\u00e4ude investierten und einen allerliebsten Garten mit gar wohlriechenden und \u00fcppigen Pflanzen angelegt haben, der zum Lustwandeln einl\u00e4dt und jeden botanischen Garten alt aussehen l\u00e4sst &#8211; sie m\u00fcssen raus. Nun, die dortigen Mieter haben das &#8222;Gl\u00fcck&#8220;, dass sie das Land sowieso in zwei, drei Monaten verlassen wollten und ihre R\u00fcckkehr jetzt einfach vorverlegen. Schlimm genug ist es allemal&#8230;<br \/>\nNach den ersten mitleidigen Gedanken f\u00fcr unsere Kollegen fuhr uns jedoch ein ganz pers\u00f6nlicher Schreck in die Glieder. WIR wollen ja wieder zur\u00fcck. Und unser gemietetes Wohnhaus mitsamt den M\u00f6beln steht ganz allein in T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 herum und f\u00fcrchtet sich gar sehre. Im Geiste wogen wir die moralischen Tugenden unseres pers\u00f6nlichen Vermieters ab. Und wenn es auch zu rabiat scheint, ihm einen Anh\u00e4nger mit den Worten &#8222;Mene, mene, tekel upharsin&#8220;*) ans Revers zu heften &#8211; er ist vom Charakter her ein guter Anw\u00e4rter auf ein paar rote Kreuze.<br \/>\nJedenfalls ein echter Anlass, mal wieder in T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 anzurufen. Bevor dort irgendjemand Tabula rasa macht&#8230;<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe! Romy und Heiko<\/p>\n<p>*) &#8222;Mene, mene, tekel upharsin&#8220; &#8211; w\u00f6rtlich: Mine, Mine, Schekel und Halbminen. Diese Worte sind gleichzeitig von T\u00e4tigkeitsw\u00f6rtern abgeleitet und k\u00f6nnen hei\u00dfen: Gez\u00e4hlt, gez\u00e4hlt, gewogen und zerteilt. Oder wie Daniel so vorausschauend deutete: &#8222;Tekel bedeutet: gewogen und zu leicht befunden&#8220;&#8230; Das Alte Testament, Buch Daniel, Kapitel 5, Vers 25<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Bewohner eines mehr oder weniger luxuri\u00f6sen Gelasses! Wir hoffen inst\u00e4ndig, dass wir selbst auch noch zur Gattung der Bewohnenden geh\u00f6ren. Ganz sicher sind wir uns jedoch nicht. 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