{"id":521,"date":"2008-05-10T12:17:53","date_gmt":"2008-05-10T11:17:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2008\/05\/10\/on-air-oder-viele-direktoren-verderben-den-brei\/"},"modified":"2008-05-13T12:48:45","modified_gmt":"2008-05-13T11:48:45","slug":"on-air-oder-viele-direktoren-verderben-den-brei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2008\/05\/10\/on-air-oder-viele-direktoren-verderben-den-brei\/","title":{"rendered":"On Air! &#8211; oder: Viele Direktoren verderben den Brei."},"content":{"rendered":"<p>Ber\u00fcchtigt aus Rundfunk und Fernsehen<br \/>\nEs gibt Menschen, die traditionelle guineische Musik lieben. Es gibt auch Leute, die Pommes Frites mit Schlagsahne m\u00f6gen. W\u00e4hrend ich mich f\u00fcr das Letztere durchaus erw\u00e4rmen kann, sind s\u00e4mtliche meiner Traditionsmusik-Gene verk\u00fcmmert. <!--more--> Besonders, weil die aktuell im guineischen Radio dudelnden Hits so viel mit echter Volksmusik zu tun haben, wie die &#8222;Echt Mittels\u00fcdwestfriesischen Holzf\u00e4ller-Bass-Bumm&#8211;Buam&#8220; mit &#8222;Es klappert die M\u00fchle am rauschenden Bach&#8220;.<\/p>\n<p>Das Szenario des durchschnittlichen guineischen Videoclips ist folgendes:<\/p>\n<p>Ein jugendlicher S\u00e4nger mit Bierbauch und massiver Goldkette, ungef\u00e4hr Mitte 50, hebt beschw\u00f6rend die H\u00e4nde zum Himmel, w\u00e4hrend er vor einem m\u00f6glichst dicken Auto (je nach Einkommen: Mercedes Benz, Humvee oder wenigstens ein gemieteter Peugeot) mit Falsettstimme die Liebe seiner Mutter beschw\u00f6rt.<br \/>\nNat\u00fcrlich eine halbe Sekunde zeitversetzt zum Playback (kleiner Einschub f\u00fcr alle f\u00fcr die Reinheit der deutschen Sprache Eintretenden: Das Wort &#8222;Playback&#8220; signifiziert eine synchrone Bildaufnahme zu einer bereits vorliegenden Tonaufzeichnung. Und hat keine deutsche Entsprechung. Au\u00dfer das kurze und griffige &#8222;synchrone Bildaufnahme zu einer bereits vorliegenden Tonaufzeichnung&#8220;). Schnitt zu seiner Tanzgruppe (jeder S\u00e4nger hat eine!)\u00a0bestehend aus mindestens drei T\u00e4nzerinnen, die in einem nicht n\u00e4her bezeichneten Wohnzimmer vor der kunstledernen Couchgarnitur ihre Kehrseiten sch\u00fctteln, als h\u00e4tten sie sich gerade eben in einen Ameisenhaufen gesetzt.<\/p>\n<p>Anstelle einer Couchgarnitur kann auch der leere Swimmingpool eines Hotels als Hintergrund genutzt werden. Hauptsache, die Szenerie verk\u00f6rpert Reichtum, Kleinb\u00fcrgerlichkeit und Kitschmacklosigkeit.<\/p>\n<p>&#8230; Aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Und als edukative Videoproduzenten sitzen auch wir mit unserem Studienzentrum im Boot der dilettantischen Filmmanufakturisten. In unserem Videoclip wurde ebenfalls getanzt, Text vergessen und Bild verwackelt.<br \/>\nInhaltlich jedoch ging das Projekt \u00fcber das durchschnittliche &#8222;Herzilein&#8220;-Gesumse hinaus. Und das war der Grund, weshalb wir in der vergangenen Woche unser Video in der Hauptstadt promoteten (ich habe nachgeschaut. Das Wort steht im Duden!)<br \/>\nUnsere wohl\u00fcberlegte Strategie war folgende: Wir schrieben einen Brief an den Boss der Bosse: an den Generaldirektor der Staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt. Zu diesem Anschreiben packten wir eine DVD und fuhren uneingeladen an einem Samstag zum Funkhaus.<br \/>\nMan stelle sich vor, eine Garagenband in Deutschland w\u00fcrde ein Band aufnehmen und mit selbigem ohne Anmeldung beim Intendanten der ARD auftauchen. Ziemlich sicher w\u00fcrden die Helden schon am Pf\u00f6rtner scheitern.<br \/>\nNicht in Guinea!<\/p>\n<p>Nun, man muss erkl\u00e4rend einschieben, dass unser Besuch von zwei Dutzend betender Zeitgenossen unterst\u00fctzt wurde. Und himmlische Intervention ist und bleibt der beste T\u00fcr\u00f6ffner.<\/p>\n<p>Ich zweifelnder Thomas war trotzdem \u00fcberrascht, als wir einfach durchs vom Sicherheitsdienst bewachte Tor hindurchgewinkt wurden, ohne auch nur nach unserem Anliegen gefragt worden zu sein. Meine Hoffnung war, unser Video im richtigen B\u00fcro einer hoffentlich f\u00e4higen Sekret\u00e4rin in die Hand zu dr\u00fccken&#8230;<br \/>\nAber auch das guineische Fernsehen arbeitet &#8211; logischerweise &#8211; guineisch.<br \/>\nWill sagen: die Verantwortlichen sa\u00dfen nicht in ihren B\u00fcros hinterm Schreibtisch, sondern gl\u00e4nzten entweder durch vollst\u00e4ndige Abwesenheit oder residierten auf der Freitreppe des imposanten, von chinesischen Klassenk\u00e4mpfern erbauten Funkhauses und schwafelten \u00fcber die politische Gro\u00dfwetterlage. Jenes Funkhauses, das vor nicht allzu langer Zeit eine MIG aufs Dach bekommen hatte und in der viele flei\u00dfige Chinesen damit besch\u00e4ftigt sind, in die Kommunikation der amerikanischen Botschaft auf der anderen Stra\u00dfenseite hineinzuh\u00f6ren.<br \/>\nWir stellten uns dem versammelten Management auf der Treppe vor und wedelten mit unserem Brief vor ihren Nasen herum. An diesem Punkt stellte sich heraus, dass der oberste Generaldirektor gar nicht da war. Schlie\u00dflich war Wochenende! Da aber sein Name auf dem Briefumschlag draufstand, durfte er nur ihm \u00fcbergeben werden.<br \/>\nImmerhin waren der Direktor f\u00fcrs staatliche Radio und der f\u00fcrs Fernsehen,<br \/>\nalso die linke und rechte Hand, zur Stelle. Und weil wir schon mal da waren,<br \/>\nhielten wir h\u00f6fliche Konversation und bekamen die 50-Cent-Tour durchs Geb\u00e4ude. Der Fernsehdirektor (die rechte Hand) st\u00fcrmte mit uns im Schlepptau ins Aufnahmestudio, obwohl \u00fcber der T\u00fcr das ber\u00fchmte &#8222;On Air&#8220; warnend blinkte.<br \/>\nNat\u00fcrlich. Falscher Alarm. Die rote Lampe leuchtet nur, weil sie es konnte.<br \/>\nDenn in Guinea wird nicht live gesendet. Das w\u00e4re doch zu unvorhersehbar!<br \/>\nDer n\u00e4chste Fettnapf wartete, als uns die guineische Miss Tagesthemen mit den Worten vorgestellt wurde: &#8222;Kennt Ihr diese Frau?&#8220; &#8211; und Romy wahrheitsgem\u00e4\u00df antwortete: &#8222;Nein.&#8220; Wir kamen halt aus der Provinz&#8230;<\/p>\n<p>Nach einer Stunde Palaverns bekamen wir einen Termin f\u00fcr den kommenden Montagvormittag. Eigentlich h\u00e4tten wir unseren Brief bis dahin gern wieder mitgenommen. Doch die versammelte Direktorenschaft wollte es anders. Ganz offiziell und unter Zeugen wurde unser Umschlag der obersten Schublade des Radiodirektors (der linken Hand) anvertraut. Niemand Unberufenes, so wurde uns versichert, w\u00fcrde es wagen, seine Finger auf den Umschlag zu legen.<\/p>\n<p>Am Montag stellte sich heraus, dass auch die Berufenen damit Schwierigkeiten hatten. Ich war p\u00fcnktlich f\u00fcnf vor zehn angekommen. Romy wartete im Auto, da sie wenig Lust auf noch mehr Salbaderei hatte.<br \/>\nVon einer freundlichen Seele wurde ich ins Vorzimmer des Generaldirektors (G.D.) geleitet. Wo ich den Fernsehdirektor (F.D.) fand.<br \/>\nDer strahlte mich an, und fragte: &#8222;Wo ist die DVD?&#8220; Ich strahlte zur\u00fcck und verwies darauf, dass er selbst sie vor zwei Tagen der Schublade seines Kollegen \u00fcberantwortet hatte.<br \/>\nDaraufhin strahlte er nur noch mit halber Kraft. Denn wieder einmal wusste die rechte Hand nicht, was die linke tut. Will sagen, der Radiomann war nicht da. Und die T\u00fcr seines B\u00fcros war verschlossen.<br \/>\nJustament in diesem Augenblick \u00f6ffnete der G.D. seine T\u00fcr, erblickte mich und gr\u00fc\u00dfte. Es war auch der Moment, in dem mich der F.D. wieder auf den Gang hinausschob, etwas von &#8222;sofort, gleich!&#8220; murmelte und sich auf den Weg in sein B\u00fcro machte. Dort setzten wir uns nieder und starrten uns ratlos an.<\/p>\n<p>Und zwar eine Stunde. In dieser Zeit sandte der G.D. dreimal seinen Laufburschen zu uns: &#8222;Wo bleibt ihr?&#8220;. Beim ersten Mal &#8211; ich traute meinen Ohren nicht &#8211; sagte der Fernsehmann tats\u00e4chlich: &#8222;Die Gattin unseres ausl\u00e4ndischen Freundes ist noch mit der DVD auf dem Weg.&#8220; Nur gut, dass es in unserem Videoclip um Ehrlichkeit geht&#8230;<br \/>\nIch deutete dies an. Weshalb bei den Nachfragen 2 und 3 die Wahrheit f\u00fcr den G.D. nachgeliefert wurde. Irgendwann kam dann auch der R.D. an.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich verlor er kein Wort der Entschuldigung (das geh\u00f6rt sich nicht).<br \/>\nSondern plauschte erstmal mit seinem Kollegen, regelte zwei kleinere Aff\u00e4ren, empfing drei Anrufe. Irgendwann kam ihm auch die Idee, mir den Umschlag in die Hand zu dr\u00fccken. Weshalb ich, schon gegen elf, im B\u00fcro des television\u00e4ren Oberbosses sa\u00df.<\/p>\n<p>Ob der Clip jetzt &#8222;on air&#8220; geht? Wir werden sehen. Will sagen: In T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 werden wir es sicher nicht sehen. Denn hier ist der Empfang seit einem Jahr gest\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ber\u00fcchtigt aus Rundfunk und Fernsehen Es gibt Menschen, die traditionelle guineische Musik lieben. Es gibt auch Leute, die Pommes Frites mit Schlagsahne m\u00f6gen. 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