{"id":518,"date":"2008-04-24T19:23:41","date_gmt":"2008-04-24T18:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2008\/04\/24\/freies-drehen-66\/"},"modified":"2008-04-24T19:23:41","modified_gmt":"2008-04-24T18:23:41","slug":"freies-drehen-66","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2008\/04\/24\/freies-drehen-66\/","title":{"rendered":"Freies Drehen"},"content":{"rendered":"<p>Die Erde dreht sich. Immer noch. In den letzten Wochen f\u00fcr uns etwas schneller als uns lieb war. Deshalb heute und hier die neuesten Fakten und faktischen Ger\u00fcchte. <!--more--> Wenn man die Situation ganz emotionslos und stoisch betrachtet, dann ist sie immer noch unklar. Zwar ober- und manchmal sogar \u00fcberirdisch ruhig. Daf\u00fcr mit unterirdischen Eruptionen, regionalen Steinw\u00fcrfen, unzufriedenem Gefl\u00fcster, wildem Klatsch und keiner Ahnung.<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich sind wir ganz froh f\u00fcr \u00fcber den &#8211; wenn auch br\u00fcchigen &#8211; Frieden im Lande. Hoffen nur, dass Ihr nicht m\u00fcde werdet, wenn wir allmonatlich ?Feurio, Feurio!? wehklagen und es nachher doch nur eine Taschenlampe war. Der Lichtstreif am Horizont flackert zumindest. Und wer wei\u00df, vielleicht explodiert er eines Tages doch noch in eine waschechte Revolution. Obwohl wir eher der Meinung eines ausl\u00e4ndischen Freundes sind,<br \/>\nder neulich frustriert feststellte: ?Selbst einen Staatsstreich bekommen sie nicht auf die Reihe?? Recht hat er!<br \/>\nWir nutzen die Zeit, die wir haben. Und manchmal nutzt die Zeit uns &#8211; ab.<br \/>\nUnd damit zur\u00fcck zu den Errungenschaften der letzten Wochen:<\/p>\n<p>Zuerst einmal traf uns ein Blitz aus heiterem Himmel. Leider ganz wortw\u00f6rtlich. Mittlerweile zum dritten Mal schlug ein Blitz in die Solaranlage unseres Studiencenters ein. Blitzableiter, Erdung und \u00dcberspannungsschutz verhinderten den totalen Zusammenbruch. S\u00e4mtliche Computer blieben intakt. Doch der Spannungswandler, der die 12 Volt Gleichstrom in 230 Volt Wechselstrom wandelt, pfiff nur noch auf dem letzten Loch. Anfangs schien es zwar so, als w\u00e4re er ohne Schaden aus der Erfahrung hervorgegangen, doch bei n\u00e4herem Hinsehen wollte er nur noch Kleinstger\u00e4te betreiben und riss bei gr\u00f6\u00dferen energetischen Herausforderungen die imagin\u00e4ren Hufe hoch. Wir haben Hoffnung, dass der Schaden reparabel ist,<br \/>\nund betreiben das Center im Augenblick mit unserem privaten Spannungswandler, den wir t\u00e4glich zu Hause ab- und im Center anmontieren.<\/p>\n<p>Tata! (Das war eine Fanare und ? zuf\u00e4lligerweise ? auch der Name einer unserer Computerstudentinnen). Also noch einmal: Tata! Unser Videoclip ?Changement? (Ver\u00e4nderung) ist Anfang vergangener Woche fertig geworden.<br \/>\nNun war es klar, dass man das 14min\u00fctige Musik-Rap-Tanz-Theater-Konglomerat nicht einfach mal nebenbei vorspielen k\u00f6nnte. Unsere Studenten jedenfalls hatten ganz andere Vorstellungen: Sie wollten jeden einladen, der in T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 Rang und Namen hatte. Vom Pr\u00e4fekten \u00fcber den Krankenhausdirektor bis hin zum Friedensrichter (?Es geht doch im Lied auch um ?injustice? &#8211; Ungerechtigkeit? ? wie einer unserer Studenten wahrheitsgem\u00e4\u00df feststellte).<br \/>\nAlso tippten wir gemeinsam eine feine Einladung (mit Bitte um p\u00fcnktliches Erscheinen), druckten sie f\u00fcnfzig Mal aus und verteilten. Anschlie\u00dfend bereiteten wir die ?Avant-Premiere? detailliert vor.<br \/>\nMit vorherigem Subbotnik (also einer wenn man?s w\u00f6rtlich nimmt samst\u00e4glichen in Realit\u00e4t allerdings freit\u00e4glichen Grundreinigung von Grundst\u00fcck und Geb\u00e4ude mit unglaublichen 30 Freiwilligen). Mit f\u00fcnfzig Mietst\u00fchlen zus\u00e4tzlich zu unseren eigenen 40 Sitzwacklern, Hektolitern von Saft und Tonnen von Keksen. Mit kleinem Studenten-Intro-Programm, einer eloquantensprunghaften Rede und f\u00fcnfzig VideoCDs mit unseren Studentenfilmen.<br \/>\nDer Samstag kam. Und \u00fcber hundert G\u00e4ste. Das gesamte offizielle Funktion\u00e4rsprogramm. Der Pr\u00e4fekt mit zwei AK47-tragenden Leibw\u00e4chtern (welche die gesamte Besucherschaft zu stehenden Ehrenbezeugungen veranlassten), seinem ?Secr\u00e9taire G\u00e9n\u00e9ral de la Irgendwas? und seinem ?Secr\u00e9taire G\u00e9n\u00e9ral de la Irgendwas anderes?, dem Direktor der Pr\u00e4fektur f\u00fcr Schulen und jenem f\u00fcr Krankenh\u00e4user. Die gesamte Entourage eben.<br \/>\nUnd das war auch das Problem. Normalerweise muss man jeden Ehrengast mit all seinen m\u00fchsam gekauften Titeln begr\u00fc\u00dfen. W\u00e4hrend also die gesamte B\u00fcrgerschaft ihre ersten Pl\u00e4tze einnahm, war ich mit Hilfe eines Ortskundigen dabei, s\u00e4mtliche R\u00e4nge m\u00f6glichst in der richtigen Reihenfolge auf meine Rede zu kritzeln. Weil wir aber keine Lust hatten, etwa 20 Minute Namen zu repetieren, fassten wir zusammen: ?Monsieur le Pr\u00e9fet und sein staff.? wobei das aus dem Englischen stammende, ein-ge-guineischte Wort ?staff? allein f\u00fcr sechs Mitarbeiter mit ellenlangen Titeln gut war.<br \/>\nUnd die Veranstaltung war ein echter Erfolg. Der Pr\u00e4fekt lie\u00df es sich nicht nehmen, aus dem Stehgreif eine eigene Rede zu reden, in der er dar\u00fcber sprach, wie unser Center die Kinder der Stadt aus den Krallen des Schaitans rei\u00dfen w\u00fcrde. Fromme W\u00fcnsche, denen wir uns nur anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Auch wenn das Alltagsgesch\u00e4ft sich oft weit weniger blumig beschreiben l\u00e4sst.<br \/>\nDie Gratis-CDs wurden verteilt und lie\u00dfen ein anderes Ph\u00e4nomen offenbar werden: W\u00e4hrend im Allgemeinen die ganze Stadt eine gro\u00dfe Familie ist und nur aus Br\u00fcdern und Schwestern besteht (selbst der angeheiratete Cousin der zweiten Frau des Gro\u00dfonkels m\u00fctterlicherseits geht noch locker als ?Bruder? durch), hatten pl\u00f6tzlich selbst V\u00e4ter und S\u00f6hne nichts mehr miteinander zu tun. Weil wir n\u00e4mlich erkl\u00e4rt hatten, dass es nur eine Frei-CD pro Familie g\u00e4be. Aber nat\u00fcrlich jeder seine eigene haben wollte. Mittlerweile brenne ich schon zum zweiten Mal nach? Zwischenzeitlich bekamen wir noch f\u00fcnfk\u00f6pfigen Besuch aus der Hauptstadt.<br \/>\nUnd weil das nicht genug war, gab es am vergangenen Mittwoch auf dem Grundst\u00fcck des Centers noch eine Namensgebungszeremonie f\u00fcr ein Baby. Der neugeborene Sohn unseres Vermieters. Der zu diesem Anlass gut 400 Besucher bekam. Und deshalb das Center der Einfachheit halber mitokkupierte. Wir waren am Morgen bei den Feierlichkeiten dabei (das Kind hei\u00dft Thierno Abdoul Karim Bah und kann nichts daf\u00fcr.) Wir kamen ziemlich m\u00fcde, mit glasigen Augen gegen Mittag wieder zu Hause an und schlossen Wetten ab, wie unser Center wohl am Nachmittag aussehen w\u00fcrde. Insbesondere unser h\u00fcbscher ? nach der Videopr\u00e4sentation nochmals grundgereinigter Saal &#8211; in welchem am Morgen der gesamte Reis samt So\u00dfe gelagert worden war und der als eine Art Speisesaal f\u00fcr die Honoratioren Verwendung gefunden hatte. Romy und ich dachten beide, dass es schmuddelig aussehen w\u00fcrde. Beschlossen aber, keine Vorurteile zu haben und positiv an die Sache heranzugehen. Stellten am Nachmittag im Center fest, dass es schmuddelig aussah. Der Saal wirkte wie die Kreuzung eines Elefantenfriedhofs mit einer M\u00fclldeponie und einem Voodootempel. Der Boden war mit Knochen und Essenresten bedeckt. Und es roch streng. Der Grund des Geruchs war bald gefunden: in einer offenen Sch\u00fcssel lag der Kopf des Opferziegenbocks im eigenen Blute und schaute uns aus offenen Augen vorwurfsvoll an. Um ihn herum lagen ein paar besonders leckere Innereien auf einem Tablett und summten. Genau genommen summten die Fliegenschw\u00e4rme auf Leber, Herz und Milz.<br \/>\nUnd so freuen wir uns schon auf die dritte Grundreinigung innerhalb von f\u00fcnf Tagen. Und auf die vor uns liegenden, hoffentlich echt langweiligen Tage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erde dreht sich. Immer noch. In den letzten Wochen f\u00fcr uns etwas schneller als uns lieb war. 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