{"id":319,"date":"2007-08-18T16:16:30","date_gmt":"2007-08-18T15:16:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2007\/08\/18\/rauchzeichen\/"},"modified":"2007-08-18T16:16:30","modified_gmt":"2007-08-18T15:16:30","slug":"rauchzeichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2007\/08\/18\/rauchzeichen\/","title":{"rendered":"Rauchzeichen"},"content":{"rendered":"<p>Es regnet. Ziemlich oft. Und selbst wenn&#8217;s grade mal nicht tr\u00f6pfelt, macht die Luftfeuchtigkeit s\u00e4mtliche Sachen klamm. Die W\u00e4sche im Schrank schimmelt heimlich vor sich hin. Und nach zwei Schritten durch das handgreifliche Abendl\u00fcftchen beginnt der Schwei\u00df zu tropfen. Kurz: Es ist August in Guinea! <!--more--> Wir sind zur\u00fcck in dem etwas anders tickenden Land im Westen Afrikas. Dabei begann die Ankunft schon auf dem Pariser Flughafen, wo wir mit ein paar Amerikanern und Libanesen inmitten einer Masse von r\u00fcckreisenden Guineern auf unser Flugzeug warteten. Beschallt von jener dudelnden guineischen Volksmusike, welche mich pers\u00f6nlich schon nach drei Takten auf die Bretter haut. Weil genau nach drei Takten die Wiederholung einsetzt: Elektro-Guitarrenspielkreis trifft Pumuckl trifft Muezzin trifft Telefonpausenmusik.<br \/>\nWir waren etwas au\u00dfer Atem, da wir f\u00fcr unser Studienzentrum eine Gabe von sage und schreibe acht g\u00fcnstigen transportablen Computern mit uns f\u00fchrten. Dazu noch unsere eigene Rechenmaschine. Alle im Handgep\u00e4ck. Ein Fest f\u00fcr den franz\u00f6sischen Zoll, der uns das gesamte Gep\u00e4ck auspacken lie\u00df und jedes St\u00fcck einzeln r\u00f6ntgte (genau wie&#8217;s schon zwei Stunden zuvor die Deutschen getan hatten).<br \/>\nDoch zus\u00e4tzlich erhielten wir in Paris ein kryptisch abgefasstes Dokument, welches in etwa folgenden Wortlaut hatte: &#8222;Die franz\u00f6sische Regierung hat das Recht, ihr unliebsame Individuen zur\u00fcck ins Land ihrer Herkunft zu schicken. Und Sie, werter Reisender, d\u00fcrfen sich nicht einmischen, falls Sie nicht gar viele Euro Strafe berappen wollen. Verstanden?&#8220; Uns schwante etwas. Dieses Gef\u00fchl wurde st\u00e4rker, als wir in den Transfer-Bus geleitet wurden und selbiger nicht losfuhr. Nach zehn Minuten gab es erste Unmutsbekundungen einiger ungeduldiger Reisender. Das Flughafenpersonal versuchte freundlich grinsend \u00c4l auf die Wogen zu gie\u00dfen. Es floss jedoch eher ins Feuer. In k\u00fcrzester Zeit hatten wir im Bus eine Mikro-Revolution. Etliche ruderten mit den Armen und teilten der Welt\u00f6ffentlichkeit mit, wie unglaublich der Stillstand sei und dass er zweifellos nur mit der Pigmentierung der Haut des Gro\u00dfteils der Reisenden zu tun h\u00e4tte. Behaupte ich auch immer wieder: &#8222;Alles nur, weil ich &#8218;Schwarz&#8216; hei\u00dfe!&#8220; Schlie\u00dflich bekam es der Busfahrer mit der Angst zu tun und steuerte uns zum Flugzeug. Das h\u00e4tte er besser nicht tun sollen. Denn dort standen drei Polizeibusse mit etwa 15 Mann Besatzung. Welche sich bem\u00fchten, mehrere Guineer in Handschellen ins Flugzeug zu bef\u00f6rdern. Nun war auch dem Letzten klar, was der Wisch vom Zoll zu bedeuten hatte. Die Masse br\u00fcllte auf, schlug gegen die Fenster und brachte den Bus zum Wackeln. W\u00e4hrend die zwei Handvoll Bleichgesichter versuchten m\u00f6glichst unbeteiligt herumzustehen. Die T\u00fcren blieben zu.<br \/>\nIch pers\u00f6nlich habe keine Einheitsmeinung zum Thema Abschiebung. Einige davon sind ungerecht und unmenschlich, andere m\u00f6gen in Ordnung gehen. Egal, worum es sich im vorliegenden Fall handelte: Die die Pariser Polizei verhielt sich wirklich zur\u00fcckhaltend. Ganz im Gegensatz zu den Abgeschobenen, die sich mit H\u00e4nden, Schellen und F\u00fcssen wehrten, w\u00e4hrend jeweils vier Gesetzesh\u00fcter sie durch die Hintert\u00fcr in die Maschine trugen. Dort blieben sie etwa f\u00fcnf Minuten. Und kamen schlie\u00dflich in gleicher Manier wieder zur\u00fcck.<br \/>\nAuch ein zweiter Versuch hatte keinen Erfolg, so dass die drei Polizeikleinbusse in voller Besetzung vom Rollfeld wegfuhren.<br \/>\nDie Stimmung im Bus drohte zu explodieren. Deshalb \u00f6ffnete der Busfahrer schlie\u00dflich die T\u00fcren. Und lie\u00df die Leute und den Dampf raus. Doch ins Flugzeug durften wir immer noch nicht. Die Leute trampelten ihren Unmut in den Beton der Startbahn. Grund genug f\u00fcr einen der Heimkehrer, sich vier Meter neben der noch pumpenden Treibstoffleitung erstmal eine Zigarette anzustecken. Gen\u00fcsslich blies er Rauchringe in die Luft. Das wiederum gab uns die Chance, vier Flughafenbesch\u00e4ftigte beinahe in Zeitlupe durch die Luft und auf den Raucher zufliegen zu sehen. Sie rissen ihn um und die Kippe aus seinem Mund. Dann waren sie es, die auf dem Beton und dem R\u00e4ucherst\u00e4bchen herumtrampelten.<br \/>\nUnd damit war das universelle Gleichgewicht der Reisegesellschaft wieder hergestellt. Alle, die gerade eben noch auf die Pariser Polizeibrutalit\u00e4t geschimpft hatten, schwadronierten nun \u00fcber den Glimmstengelbenutzer. Ade ihr Klassenunterschiede. Alle Menschen wurden Br\u00fcder, denn endlich hatte man einen gemeinsamen Feind. Den suizid\u00e4ren Raucher.<br \/>\nZu guter Letzt kam noch ein zweiter Flughafenbus mit einer Ladung Chinesen angefahren. Welche &#8211; oh Ironie des Schicksals &#8211; doppelt gebuchte Pl\u00e4tze hatten. Wie gut, dass die Abschiebung nicht geklappt hatte. Denn so konnten die (fast durchweg m\u00e4nnlichen) Stewardessen die asiatischen Reisenden souver\u00e4n auf die Sitze im hinteren Bereich des Flugzeugs umsetzen. Hat schon alles seinen tieferen Sinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regnet. Ziemlich oft. Und selbst wenn&#8217;s grade mal nicht tr\u00f6pfelt, macht die Luftfeuchtigkeit s\u00e4mtliche Sachen klamm. Die W\u00e4sche im Schrank schimmelt heimlich vor sich hin. Und nach zwei Schritten durch das handgreifliche Abendl\u00fcftchen beginnt der Schwei\u00df zu tropfen. 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