{"id":133,"date":"2007-05-27T12:57:21","date_gmt":"2007-05-27T11:57:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2007\/05\/27\/partnerlook-oder-die-angst-zu-kurz-zu-kommen\/"},"modified":"2007-05-27T12:57:21","modified_gmt":"2007-05-27T11:57:21","slug":"partnerlook-oder-die-angst-zu-kurz-zu-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2007\/05\/27\/partnerlook-oder-die-angst-zu-kurz-zu-kommen\/","title":{"rendered":"Partnerlook &#8211; oder: Die Angst, zu kurz zu kommen"},"content":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als modisch bewusste P\u00e4rchen sich t\u00fcrkisfarbene Jogginganz\u00fcge im Partnerlook kauften. Und gleichfarbige Sportschuhe mit Klettverschluss. Und zwei rot-wei\u00df gestreifte Frotteestirnb\u00e4nder. Schon aus hundert Meter Entfernung wurde dem arglosen Beobachter der Eindruck ins Kleinhirn gestampft: Die haben etwas gemeinsam. <!--more--> Dieses \u00e4sthetische Prinzip der identischen Erscheinung existiert auch in Afrika. Noch viel konzentrierter! Wer etwas auf sich h\u00e4lt, erscheint zu einer Feierlichkeit als analog gemusterter Block. Die ganze Sippschaft kauft zwanzig Kilometer maschinell bedrucktes chinesisches Tuch und l\u00e4sst ihren Vertrauensschneider anschlie\u00dfend die Nacht zum Tage machen. Ganz egal ob es sich um eine Hochzeit oder eine Namensgebungszeremonie handelt. Wahrscheinlich w\u00fcrden sich die Leute auch zu einer Beerdigung identisch kleiden. Doch sooo schnell sind die Schneider nicht. Ich gestehe, dass auch wir Wei\u00dfen schon &#8211; h\u00fcbsch h\u00e4sslich &#8211; in einer Reihe mit 25 anderen Gleichgekleideten herumstanden. Eine der eher uniformeren Erfahrungen eines individualistischen Lebens. Aber wenn&#8217;s den Leuten halt gef\u00e4llt&#8230;<\/p>\n<p>Unser letzte Gleichschnitt-Erfahrung begann, als wir im Studienzentrum mit unseren beiden Englisch-Klassen ein Lied ein\u00fcbten. Auf Englisch, oder was man hier so darunter versteht (n\u00e4mlich nicht viel). Die Aussprachedefizite wurden durch den Singeifer mehr als wettgemacht. Als wir verk\u00fcndeten, dass wir den T\u00e9lim\u00e9l\u00e9-Song aufnehmen und arrangieren w\u00fcrden, gab es erste Hochrufe. Und als zu guter Letzt noch die begl\u00fcckende Neuigkeit eines Musikvideos durchsickerte, gab es bei unseren Studenten kein Halten mehr. 18 mehr oder weniger musikalische Teenager wollten gleich gezwirnt vor der Kamera moonwalken.<br \/>\nWir waren von den Couturier-Pl\u00e4nen nicht allzu begeistert. Eine Nebenwirkung der gleichbedruckten Gl\u00fcckseligkeit manifestierte sich n\u00e4mlich in 90% der F\u00e4lle in finanzieller Ungleichheit. Doch auf der anderen Seite war es f\u00fcr die Gruppe eine Chance, Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<br \/>\nDa die neun J\u00fcnglinge zu sehr damit besch\u00e4ftigt waren, mit den H\u00e4nden lustige Ger\u00e4usche zu machen, wurde die Verantwortung den neun Maiden \u00fcberlassen. Die legten einen Stoffeinkaufs- und Schneiderpreis fest, sammelten das Geld ein und kauften das Tuch. Leider hatten die M\u00e4dels sich beim Stoffh\u00e4ndler verantwortlich verkalkuliert und etliche Bahnen zu viel eingekauft. Das Geld fehlte nun an der Schneiderei. Aber diese Problem konnte nach einer orkan\u00e4hnlichen gruppendynamischen Diskussion durch schlaue Umschichtung und Heimarbeitsn\u00e4hen wieder in Ordnung gebracht werden.<br \/>\nWenigstens hatten wir genug Gewebe. Was tun damit? In einem Anfall von G\u00fcte bekamen nun sogar die drei Kleinsten Eins-F\u00fcnfzehn-H\u00fcnen pro Person nicht nur eine, sondern zwei Stoffbahnen. Um die noch fehlende K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe durch ein umso pr\u00e4chtigeres Gewand zu kompensieren. Die Stoffe wurden verteilt, im Center abgelegt; und jeder vergn\u00fcgte sich f\u00fcr den Rest des Nachmittags mit dem Computer, dem Englischkurs, einem Buch oder dem Jenga-Turm.<br \/>\nAm Abend war das Geschrei umso gr\u00f6\u00dfer, als sich die zwei Stoffbahnen eines Knirpses in Wohlgefallen aufgel\u00f6st hatten &#8211; auch in unserem Wertevermittelnden Center wird alles geklaut, was nicht festgenagelt ist oder weniger als einen Zentner wiegt.<br \/>\nRomy hatte eine ganz logische Idee: Schlie\u00dflich gab&#8217;s noch zwei andere Bonsai-Knaben, die eigentlich nur eine Stoffbahn f\u00fcr ihre Gewandung brauchten. Sicherlich w\u00fcrde einer von beiden so edel und gut sein, die unverdiente und nicht bezahlte Stoffbahn f\u00fcr seinen armen Kameraden abzugeben. Dachte Romy.<br \/>\nEs folgte eine weitere gruppendynamische Diskussion, die locker mit dem Ausbruch des Mount Saint Helens konkurrieren konnte. Nachdem Romy genau zehnmal anhub, die Lage zu beruhigen und genau zehn Mal nichts damit erreichte, schloss sie parforce die Diskussion und das Center. Und lie\u00df einen Haufen schreiender Teenager zur\u00fcck. Sie war durchaus ein wenig entt\u00e4uscht, dass die Versuche, ein Problem gemeinschaftlich zu l\u00f6sen, in akusto-brachialen Sturzwellen geendet hatten. Um selbst ein wenig runterzukommen, schnappten wir uns den Hund, und machten uns auf die allabendliche Tour durch die Wildnis hinterm Haus. Wo das Telefon klingelte. Die M\u00e4dels hatten sich zu einer Telefonkonferenz getroffen, um sich f\u00fcr das Ende des Abends zu entschuldigen. Wow. Das war genauso \u00fcberraschend wie wohltuend. Zwei Minuten sp\u00e4ter kamen wir wieder an unserem Haus an, nur um die Gruppe der Jungs vorzufinden, die per Pedes die drei Kilometer aus der Stadt gekommen waren, um sich ebenso f\u00fcr ihren Ausbruch zu entschuldigen. Nachdem wir sie mit Saft abgef\u00fcllt und zur\u00fcckchauffiert hatten, stand einem wahrhaft friedlichem Abend nichts mehr im Weg.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag sollte dann die L\u00f6sung des eigentlich nicht vorhandenen Stoffmangelproblems gefunden werden. Gemeinsam. Einstimmig.<br \/>\nEiner der kleinen Stoffmogule meldete sich zu Wort.<br \/>\n&#8222;Ich m\u00f6chte mich entschuldigen f\u00fcr das was ich gestern gesagt habe. Das war nicht richtig!&#8220; Eine warme Welle des Verst\u00e4ndnisses brandete ihm entgegen.<br \/>\n&#8222;Und, wirst Du jetzt Deinen Stoff teilen?&#8220; &#8222;Nee. Hab mich doch entschuldigt!&#8220; Die warme Welle verebbte.<br \/>\nDer zweite Stoffbesitzer wurde gefragt:<br \/>\n&#8222;Und Du! Hast Du in Dein Herz geh\u00f6rt?&#8220; &#8222;Ja!&#8220; &#8222;Wirst Du den Stoff teilen?&#8220; &#8220; &#8211; -&#8220; Beredtes Schweigen.<br \/>\nWeshalb der Rest der Gruppe dann gemeinsam(!) und einstimmig(!) beschloss, dass zwei gro\u00dfe Burschen den ersten der beiden Mikrohelden an den Ohrl\u00e4ppchen packen, mit ihm und dem Stofflosen zum Schneider gehen, und f\u00fcr beide je ein Kost\u00fcm abmessen w\u00fcrden.<br \/>\nMit Tr\u00e4nen in den Augen (ob wegen des Stoffverlustes oder des Ohrl\u00e4ppchens, war nicht ganz klar) akzeptierte der Entschuldiger.<br \/>\nDer zweite Gebeunwillige wurde zur Bezahlung der zweiten Stoffbahn verurteilt. Das so eingenommene Geld wanderte in die Schneiderkasse.<br \/>\nEs tut soooo gut, wenn die G\u00fcte, wenn auch wider Willen, triumphiert. Und wenn der Gerechtigkeit (beinahe) freiwillig Gen\u00fcge getan wird.<br \/>\nF\u00fcr uns war es eine weiter Lektion in Sachen &#8222;Wie gut ist der Mensch wirklich?&#8220; Denn wider besseres Wissen feiern die Gutmenschen weiterhin ein Fest des Irrealen, schreiben sich die Humanisten dieser und vergangener Tage \u00fcber die G\u00fcte des Menschen in Tr\u00e4nen, tr\u00e4umen Marx und Co vom kommunistischen Himmel, in dem es kein Geld mehr gibt und jeder nur das aus den Gesch\u00e4ften nimmt, was er wirklich braucht, schwelgen die modernen Theologen in einer philanthropisch ents\u00fcndigten Scheinwelt und Gr\u00f6nemeyer tr\u00e4llert immer noch davon, wie super es doch w\u00e4re, wenn die &#8222;Kinder an die Macht&#8220; k\u00e4men. (Hab ich in diesem undifferenzierten Rundumschlag jemanden vergessen? Das t\u00e4te mir leid!) Und dann kommt die Realit\u00e4t und zeigt, dass alle, die Gro\u00dfen und die Kleinen, an den Ma\u00dfst\u00e4ben des unbestechlich Guten scheitern.<br \/>\nUnd sei es nur aus Angst zu kurz zu kommen. Ein viel \u00e4lterer Songwriter als Gr\u00f6ni, n\u00e4mlich David, hat die Wahrheit aufgeschrieben:<br \/>\n&#8222;&#8230;da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.&#8220; Autsch.<br \/>\nOder anders gesagt: Unsere Arme sind zu kurz, um mit Gott zu boxen. Und warum sollten wir auch, wo es eine viel st\u00e4rkere M\u00f6glichkeit gibt: N\u00e4mlich, mein zu-kurz-Kommen an den ewigen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht zu entschuldigen oder zu kaschieren, sondern auf das Prinzip der Vergebung zu setzen. Sehr befreiend.<br \/>\nWir haben uns im Center darauf einigen k\u00f6nnen, dass keiner von uns &#8222;der Gute&#8220; ist, sondern, dass wir uns gegenseitig tragen und nicht zu selten auch ertragen m\u00fcssen. Schon allein aus diesem Grund war das Projekt ein echter Erfolg.<br \/>\nUnd au\u00dferdem haben wir ein wahrhaft unbeschreibliches Video gedreht. Im Partnerlook.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als modisch bewusste P\u00e4rchen sich t\u00fcrkisfarbene Jogginganz\u00fcge im Partnerlook kauften. Und gleichfarbige Sportschuhe mit Klettverschluss. Und zwei rot-wei\u00df gestreifte Frotteestirnb\u00e4nder. Schon aus hundert Meter Entfernung wurde dem arglosen Beobachter der Eindruck ins Kleinhirn gestampft: Die haben etwas gemeinsam.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}