{"id":1031,"date":"2011-01-12T18:43:17","date_gmt":"2011-01-12T16:43:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2011\/01\/12\/guineisches-panzerknacken\/"},"modified":"2011-01-12T18:43:17","modified_gmt":"2011-01-12T16:43:17","slug":"guineisches-panzerknacken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rhschwarz.de\/index.php\/2011\/01\/12\/guineisches-panzerknacken\/","title":{"rendered":"Guineisches Panzerknacken"},"content":{"rendered":"<p>Das Unglaubliche ist geschehen: Die Bauarbeiten in unserem Studienzentrum wurden p\u00fcnktlich beendet. Vor ein paar Tagen machte ich mit unserem Maurer\/Maler\/Herz-vons-Janze eine letzte Baubegehung und z\u00e4hlte ihm die verbliebene Rate in die hohle Hand. Der neue Klassenraum steht. Nur den zugeh\u00f6rigen Tischen und St\u00fchlen geht es ein bisschen wie den Christen: sie warten auf ihre endg\u00fcltigen Vollendung (frei nach Hebr\u00e4er 11,40). Weshalb Romy und ich alle paar Tage beim Schreiner unserer Wahllosigkeit vorbeischauen und ihn wie russische Troika-Kutscher mit Schmeicheleien und Drohungen zum Arbeiten anspornen. Es kann sich nur noch um Monate handeln. <!--more--><\/p>\n<p>Daf\u00fcr k\u00f6nnte ein anderes, lang erwartetes Ereignis sich seiner Erf\u00fcllung n\u00e4hern. Nicht der im 1. Korintherbrief 15,44 verhei\u00dfene neue, himmlische Leib f\u00fcr den Schreiber dieser Zeilen (auch wenn er ihn mittlerweile manchmal gut gebrauchen k\u00f6nnte). Nein, stattdessen nur schn\u00f6des, GSM-lahmes Internet f\u00fcr T\u00e9lim\u00e9l\u00e9. Die Neuigkeit brachte mich trotzdem &#8211; \u00e4hnlich wie ein Auferstehungsleib &#8211; zum Schweben. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend unserer Baubegehung erfuhr ich nebenbei, dass der Neffe unseres Vermieters bei einer hiesigen Telefongesellschaft arbeitete. Ganz der gewiefte Wahlguineer, nutzte ich die Situation und ermutigte unseren hochgeehrten Vermieter, seinerseits den Neffen zur Herausgabe eines Internet-USB-Sticks zu ermutigen. Nat\u00fcrlich gegen Bezahlung.<br \/>\nAllerdings arbeitet der Telefonmann in Mamou, 8 Autostunden von T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 entfernt. Wie sollte das Geld zu ihm gelangen? M\u00f6glichkeit 1: mit einem Buschtaxifahrer. Ging leider nicht, weil keiner direkt zwischen den beiden St\u00e4dten pendelt. Im Zeitalter des globalen Dorfes w\u00e4hlte ich voller \u00dcberzeugung die M\u00f6glichkeit 2: den Versand des Geldes mithilfe eines Geldtransfer-Unternehmens. Zwar haben es normale Banken bisher noch nicht in unsere Stadt geschafft &#8211; doch seit einem Jahr kann man auch in T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 gegen ein exorbitantes Entgelt monet\u00e4re Zuwendungen von Freunden und Verwandten aus Europa in Empfang nehmen.<br \/>\nSolch ein Institut besuchte ich. Nach der Begr\u00fc\u00dfung wurde ich nicht etwa um meinen Namen gebeten. Sondern erst einmal darum, das zu versendende Geld gut sichtbar auf den Tisch zu stapeln. Vertrauen ist gut, Bargeld ist besser. Da lag mein Stapel inflation\u00e4rer, geruchsintensiver Scheine. Immer noch wurde kein Kugelschreiber angefasst. Als n\u00e4chstes musste ich n\u00e4mlich noch die Versandgeb\u00fchr berappen. Erst dann durfte ich Empf\u00e4nger- und Senderdaten loswerden, ehe ich entlassen wurde, um im Warteraum auf meinen pers\u00f6nlichen geheimen Versand-Code zu lauern. <\/p>\n<p>Das Warten war interessanter als gedacht. Kaum sa\u00df ich, lief &#8211; begleitet vom Direktor des Instituts &#8211; ein muskul\u00f6ser Mann mit Brechstange und Vorschlaghammer vorbei. Sekunden sp\u00e4ter begann der ganze Laden unter metallischen Hammerschl\u00e4gen zu erzittern. Aha. Der Direktor hatte den Safeschl\u00fcssel verloren.<br \/>\nDie Panzerknacker &#8211; Onkel Dagoberts nimmerm\u00fcde Widersacher &#8211; geh\u00f6ren zu meinen Lieblingscomicfiguren. Kein Wunder also, dass ich mir die guineische \u00d6ffnung eines Geldschranks anschauen musste. Au\u00dferdem dachte ich, dass mein Versand-Code im Safe l\u00e4ge und feuerte den starken Mann begeistert an. Umringt von zwanzig Zuschauern bekam er den alten &#8222;Franz-J\u00e4ger&#8220; auf. Mein Versandcode war nicht drin. Nur ein paar Millionen Mikrokredite lagen hinter der Stahlt\u00fcr.<br \/>\nDer \u00e4u\u00dferst geheime Code wurde stattdessen Minuten sp\u00e4ter per Telefon angefordert. Und alsbald mit schallender Stimme durch das Institut gebr\u00fcllt: &#8222;ZWEI-UND-DREISSIG!!! ICH WIEDERHOLE&#8230;&#8220; Nachdem die zehn Ziffern auch vom letzten Kunden memorisiert worden waren, bekam ich sie hinter vorgehaltener Hand auf einem Blatt Papier verstohlen her\u00fcbergereicht. Mit der ernsten Belehrung: &#8222;Niemandem weitersagen &#8211; au\u00dfer dem Empf\u00e4nger!&#8220;<br \/>\nWenn jetzt noch a) das USB-Ger\u00e4tchen irgendwie seinen Weg nach T\u00e9lim\u00e9l\u00e9 findet und b) auch noch funktioniert (beides M\u00f6glichkeiten, denen die dynamischste Ehefrau von allen nicht viel Vertrauen entgegenbringt) wird die technische Freude im Hause Schwarz&amp;Crew gro\u00df sein. <\/p>\n<p>Obwohl. So wichtig sind dergleichen Spielzeuge ja doch nicht. Als ich dort bei &#8222;Cr\u00e9dit Rural&#8220; sa\u00df, schlich sich die Frage nach den wahrhaft wertvollen Dingen durch meinen Kopf. Bekanntlich ist in der n\u00e4heren Umgebung unserer Sch\u00e4tze auch unser Herz zu finden (so nachzulesen in Lukas 12,34). Gut, wenn das nicht bei den &#8222;Cr\u00e9dit Rurals&#8220; dieses \u00c4ons ist &#8211; wo Motte und Rost zerst\u00f6ren und Diebe und Mechaniker durchbrechen und Angestellte ausposaunen. Gut, wenn wir ein Konto in h\u00f6heren Sph\u00e4ren haben. F\u00fcr die braucht man n\u00e4mlich nicht mal Internet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unglaubliche ist geschehen: Die Bauarbeiten in unserem Studienzentrum wurden p\u00fcnktlich beendet. Vor ein paar Tagen machte ich mit unserem Maurer\/Maler\/Herz-vons-Janze eine letzte Baubegehung und z\u00e4hlte ihm die verbliebene Rate in die hohle Hand. Der neue Klassenraum steht. 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